Leerheit

Retreat in Brandenburg nahe Berlin

Buddha und Nicht-Ich

Buddha hat von anatta (Nicht-Ich = Nicht-Seele oder Leerheit) gesprochen und dies mit dem Wort "Einsicht" verbunden. Das Problem ist jedoch genau genommen das Anhaften an einer Ich-Vorstellung (attavadupadana, vgl. upadana - wiki). Das Problem ist nicht, mit diesem Wort in unserer Sprache zu operieren (vgl. Deixis wiki).

Buddha stellte fest: Nicht-ich, es gibt keine Seele oder eine unveränderbare "Kern"- Identität eines Menschen. Das ist heute für viele selbstverständlich, die nicht an Christentum, Islam, Hinduismus oder eine andere Unterordnungsreligion mit Ewigkeitsbehauptung glauben. Wer bzgl. der religiösen Ewigkeit von sich selbst im Zweifel ist und daher nicht nur eine diffuse Vorstellung von sich, sondern auch noch die Ewigkeit mit sich herumschleppt, wird die Wiedergeburtslehre des Buddha attraktiv finden und dafür ist sie gedacht. Die nicht an eine Seele glauben, und daher von den Unterordnungsreligionen als Ungläubige sozial diffamiert und in der Regel ausgegrenzt und eingeschüchtert werden, sind einen großen Schritt weiter, aber nicht automatisch erleuchtet. Bei moderner Kindererziehung ist eine "Selbstwert"orientierung im Hinblick auf eine "Person" unbedingt notwendig, um die Grundlagen für eine (je nach Gesellschaftszustand) effektive emotionale Selbststeuerung im Erwachsenenalter zu legen. Praktisch gesprochen bekommt man in der Kindheit Hirn und Herz irgendwie zusammengeschraubt und lernt dabei gleich die Gefühle Ärger, Wut und Trotz im sozialen Kontext passend einzusetzen. Als Resultat findet man persönlich Erziehung eher überbewertet und entspannt gerne die früh gereifte Persönlichkeit mit einer Pizza vor dem Bildschirm. Wenn man dann meditiert oder gar ein Retreat macht - merkt man schnell, ob man sich nach etwas mehr Unterhaltung "sehnt". Plötzlich wird sogar Stillsitzen ein Problem! ... was hat das nur mit Anatta zu tun? Wenn man dann bei Buddhisten sitzt, zeigt wo und wie man sitzt, wiederum viel über einen selbst. Der rosaflauschige Wohlfühlbuddhismus a la Thich Nhat Hanh, oder die inbrünstige Anbetung aller Lamas der eigenen tibetischen Richtung, oder - einfach - gedankenlos- Zazen sitzen, weil Dogen gesagt hat, das ist bereits Erleuchtung! Man hofft - mit den richtigen Leuten Lama/Roshi/Guru ist Erleuchtung ganz nah oder zumindest ist man nah bei denen, die sicher die Guten sind! Achtung: Glaube, Liebe, Hoffnung war katholische Kirche, die das Tugenden nennt und wichtig für ihr Angebot findet. Und - nicht nur Böhse onkelz, auch Buddhisten klimpern gerne sinnfrei mit dem Pathos von Worten um ihre Trommel- und Glocken-Songs zu verkaufen. "Ich sinke ins Nichts in endlose Leere nur dunkles Geheimnis erdrückende Schwere Ich träume wahnsinnige Träume von Gnade und verzeih'n Erhabene Momente für die Ewigkeit"

Eine theoretische Herangehensweise (also nach unserem Verständnis Religion und Philosophie) wurde von Buddha nicht gefördert, Allerdings offensichtlich vor dem Hintergrund, daß er alles kannte, was seinerzeit gängig war (vgl. internet palikanon Mittlere Sammlung Nr. 2 Kurt Schmidt ... unweise denkt man ...). Die vielen späteren Ausarbeitungen buddhistischer Traditionen zu dem Thema sind weit unter dem Niveau moderner Geisteswissenschaften etwa bei Luhmann oder Dawkins. Anatta wurde von Buddha nicht so isoliert betrachtet wie später sunyata/Leerheit im Spätbuddhismus. Buddha hat einen genial einfachen Weg zur Selbstbefreiung konzipiert: 4 edle Wahrheiten - 8 facher Pfad - bedingte Entstehung.

Anatta ist an Gefühlswahrnehmung und -reflektion gekoppelt. Für Buddha war klar, daß man persönliches Erleben nicht über ein theoretisches Modell definiert, sondern es sind Gefühle, die persönlich erlebt werden. Essentiell für ein Verständnis ist daher die Meditationspraxis (vgl. satipatthana, anapanasati sutta). Bei der Meditation macht man die Erfahrung, daß Denkprozesse und Meinungsbildung unwillkürlich und automatisch ablaufende Prozesse sind. Das kränkt natürlich auch erst einmal das Selbstwertgefühl ("9 von 10 Stimmen in meinem Kopf sagen ich bin irre. Eine summt"). Da man sich aber in sozialen Situationen mit Denk- und Sprachprozessen sehr grundsätzlich identifiziert, kann schon diese "einfache" Erfahrung zu erleichternden Befreiungsmomenten führen - Gedanken stören also nicht die Praxis. Die Anbindung der sozial konditionierten Emotionen wie Stolz, Scham, Ärger an Worte wird vielleicht ebenfalls deutlich und löst sich damit .. vielleicht etwas. Das mentale Training von Spitzensportlern oder Navy Seals ist Meditationstechnik, mit der man letzlich die Belastbarkeit gerade auch bezüglich gefühlsbasierter persönlicher Erwartungshaltung erhöht. Die dort zweifelsfrei vorhandenen positiven Aspekte passieren bei deutscher buddhistischer Meditationspraxis in der Regel nicht die erwartbaren Denkschranken. Bei langjähriger intensiver buddhistischer Meditationspraxis kann irgendwann ein tiefgreifendes Erlebnis stattfinden, bei dem die "Welt" der gefühlskonditionierten Persönlichkeitsvorstellung "zusammenbricht". Wenn sich damit gleich richtig und falsch erledigt haben, dann hat es "ziemlich dicke reingehauen". Ansonsten wird man wohl noch ein paar Jahre Meditationspraxis mit entweder einer nervigen Portion Nihilismus oder recht blinder, aber erfreulicher Selbstüberschätzung absitzen müssen, um lockerer zu werden. Wie man dahinkommt, schildert beispielsweise Mumonkan Nr. 19 ;-) Die resultierende positive Lebensintensität ist als sozial teilbare Erfahrung völlig irrelevant. Im Zen wird in solchen Erlebnissen die Grundlage für die Lehr-Autorität gesehen und idealisiert zur Traditionsbildung benutzt... "Ich bin kein religiöser Mensch. Aber wenn es dich wirklich gibt, dann rette mich Superman!" (homer simpson) Idealisierung und Anbetung sind tolle Gefühle, es muß ja nicht gleich der Papst, die Jungfrau Maria oder ein "Meister" sein. Sicher ist es besser Zuneigung und Hochachtung für sich selbst zu entwickeln Glück ist kein Ziel, sondern eine Art zu reisen.

Meditationswochenende in Brandenburg
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